Bei einer Arthrose im Knie sollten Faktoren mit schädigender Wirkung auf das Gelenk weitgehend reduziert werden, um eine Operation hinauszuzögern. Prof. Dr. med. Stefan Sell, ärztlicher Direktor des Gelenkzentrums Schwarzwald, erklärt uns im Interview, welche konservativen Behandlungsmaßnahmen Betroffenen zur Verfügung stehen, um Knieschmerzen nachhaltig zu lindern und damit die Lebensqualität zu steigern.

Redaktion:  Prof. Dr. Sell, bitte erklären Sie uns zunächst einmal, was man unter der konservativen Therapie von Kniearthrose versteht?

Prof. Dr. Sell:  Bei einer Arthrose des Kniegelenks versucht man zunächst einmal, die Operation als letztes Mittel möglichst lange aufzuschieben. Hier kommt die konservative Therapie des Gelenks zum Tragen. Es handelt sich also um sämtliche nicht-operativen Maßnahmen zur Schmerzreduktion und Aufrechterhaltung der Gelenkfunktion. Zu den wichtigsten Bausteinen gehören die Gewichtsreduktion, Bewegung und eine Ernährungsumstellung. Medikamente und orthopädische Hilfsmittel, also Bandagen oder Orthesen, zählen ebenfalls dazu.  

 

Redaktion:  Lassen Sie uns, bevor wir die einzelnen Maßnahmen im Detail besprechen, noch einmal genauer auf die Ziele eingehen: Was möchten Sie mit der konservativen Behandlung für Ihre Patienten erreichen?

Prof. Dr. Sell:  Die konservative Therapie hat mehrere Ziele, allen voran natürlich die Schmerzlinderung. Da für die Patienten der Schmerz meist im Vordergrund steht und die Lebensqualität im Alltag massiv beeinträchtigt, versuchen wir, die Beschwerden zu mindern. Das zweite Ziel ist, wie bereits erwähnt, die Gelenkfunktion positiv zu beeinflussen, um die Beweglichkeit des Kniegelenks aufrechtzuerhalten. Dazu gehört einerseits, das Gangbild zu verbessern, wenn eine X- oder O-Beinstellung bestimmte Areale des Kniegelenks einseitig belasten. Genauso wichtig ist es, die Beinmuskulatur zu trainieren und damit zu stärken, weil sie dem arthrotischen Kniegelenk Entlastung bietet.

 

Redaktion: Entlastung ist ein gutes Stichwort. Lassen Sie uns bitte als nächstes auf das Thema Körpergewicht zu sprechen kommen: Sie sagten gerade, die Gewichtsreduktion ist ein essentieller Therapiebaustein bei der konservativen Arthrose Behandlung. Warum?

Prof. Dr. Sell: Ein Kilogramm Körpergewicht entspricht einer Mehrbelastung von drei bis fünf Kilogramm auf das Kniegelenk, wenn wir uns bewegen. Bei 30 kg Übergewicht bedeutet das also eine Mehrbelastung von 150 kg – und das bei jedem Schritt. Rechnen Sie diese Mehrbelastung einmal über einen ganzen Tag, an dem der Betroffene beispielsweise 6000 Schritte zurücklegt. Daher gilt: Je leichter der Patient, desto geringer die Belastung auf das Knie.

Das Grundkonzept der konservativen Arthrosebehandlung heißt: Viel Bewegung, wenig Belastung.


Prof. Dr. med. Stefan Sell
Ärztlicher Direktor Gelenkzentrum Schwarzwald

Redaktion: Das Gewicht lässt sich durch das richtige Maß an Bewegung und eine angepasste Ernährung reduzieren, womit wir zu den nächsten beiden Therapiebausteinen kommen: Erklären Sie doch bitte, warum Bewegung bei Arthrose unerlässlich ist und worauf Betroffene achten sollten.

Prof. Dr. Sell: Wir benötigen regelmäßige, gezielte Bewegung, damit unser Gelenkknorpel ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Ein weiterer positiver Effekt von Bewegung ist die Stärkung der gelenkstützenden Muskulatur und eine Förderung der Durchblutung. Diese beiden Faktoren sorgen für eine Schmerzlinderung. Hier gilt es, die richtige Bewegung für sich auszusuchen. Am besten eignen sich gelenkschonende Alltagsaktivitäten und Sportarten mit rhythmischen Bewegungsabläufen sowie möglichst wenig lokalen Spitzenbelastungen auf das Gelenk. Auch ein Physiotherapeut kann Patienten geeignete Knie Übungen zeigen.

Redaktion:  Und wie hilft die richtige Ernährung bei Arthrose?

Prof. Dr. Sell:  Bei der Ernährung sollte man auf Alpha-Omega3-Fettsäuren setzen, da diese sich positiv auf die Entzündungssituation des Körpers auswirken. Der Bedarf lässt sich insbesondere mithilfe von fettem Fisch abdecken; daher sollte Lachs, Makrele oder Aal mindestens einmal wöchentlich auf dem Speiseplan stehen. Der nächste Baustein, der wichtig ist, sind Antioxidantien. Sie kommen in Obst und frischem Gemüse vor, was man täglich zu sich nehmen sollte, um von dem entzündungshemmenden Effekt zu profitieren. Rotes Fleisch, Schweinefleisch, Wurst – das sind Produkte, die leider den gegenteiligen Effekt haben. Insgesamt ist eine ausgeglichene Ernährung wichtig – auch auf die Kalorienzahl bezogen.

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Redaktion:  Welche weiteren Möglichkeiten haben Arthrose-Patienten?

Prof. Dr. Sell:  Gewichtsreduktion, Bewegung und Ernährung bilden die Basis der Therapiepyramide. In einer zweiten Stufe kommen dann Medikamente zum Tragen; auch Injektionen in das Kniegelenk können eine wichtige Rolle spielen. Hier haben aber auch Bandagen und Orthesen ihren festen Platz – sie sind die Behandlungsmaßnahme mit dem geringsten Nebenwirkungspotential bei hoher Erfolgsaussicht und unterstützen vor allem beim Bewegungsprogramm. Die orthopädischen Hilfsmittel verbessern das Bewegungsgefühl – medizinisch heißt das Propriozeption. Belastungen lassen sich außerdem verringern und die Nutzer schätzen das Stabilitätsgefühl, das ihnen eine Kniebandage gibt.

 

Redaktion:  Welche Anforderungen müssen Bandagen und Orthesen für Gonarthrose-Patienten Ihrer Meinung nach erfüllen?

Prof. Dr. Sell:  Zunächst einmal muss der therapeutische Effekt für den Patienten klar erkennbar sein: Seine Beschwerden bessern sich, sein Schmerz lässt nach. Gleichzeitig muss die Bandage oder Orthese einen hohen Tragekomfort bieten. Am besten ist es, wenn man im Alltag vergisst, überhaupt ein Hilfsmittel zu tragen. Diese beiden Mechanismen, also therapeutischer Effekt verbunden mit hohem Tragekomfort, führen zur Akzeptanz des Patienten. Diese ist von fundamentaler Bedeutung. Nur wenn ich eine Therapiemaßnahme als positiv beurteile, werde ich sie auch regelmäßig einsetzen. Je nach Ausprägung der Arthrose stehen übrigens unterschiedliche Versorgungsmöglichkeiten zur Verfügung. Der Hausarzt oder ein Orthopäde hilft bei der Produktauswahl. Im Anschluss muss die Bandage oder die Orthese fachgerecht vermessen und gegebenenfalls angepasst werden. Nur wenn das Hilfsmittel perfekt sitzt, wird gewünschte Wirksamkeit erreicht.

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Redaktion:  Lassen Sie uns zum Abschluss noch an Ihren Erfahrungen mit Kniearthrose-Patienten teilhaben: Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Behandlung? Was geben Sie Ihren Patienten üblicherweise mit auf den Weg?

Prof. Dr. Sell:  Die Arthrose des Kniegelenkes ist eine chronische Erkrankung. Letzten Endes wird sie über die Jahre fortschreiten. Unser wichtigstes Ziel ist deswegen, dem Patienten bewusst zu machen, dass er kontinuierlich etwas für sein Gelenk tun muss: Muskulatur aufbauen, Entlastung des Gelenkes, das Gewicht entsprechend reduzieren, die richtige Sportart finden, die für sein Gelenk passt. Es bedarf eines sehr individuellen Therapieplans für den Einzelnen, um die Grundbausteine, die wir bereits kennengelernt haben, im Alltag zu realisieren. Und hier sind wir bei der eigentlichen Herausforderung: Die Energie aufzubringen, das Trainingsprogramm regelmäßig durchzuführen. Meine Erfahrung ist, dass es fest mit bestimmten Ereignissen im Alltag gekoppelt sein muss, um das Training aufrechtzuerhalten. Das kann zum Beispiel morgens vor dem Zähneputzen sein oder unmittelbar vor dem Mittagessen. Ein etablierter Rhythmus ist für mich die Lösung, um langfristig gegen die Arthrose aktiv zu werden.

Redaktion:  Herzlichen Dank für das Gespräch.

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