Gela Allmann hat auf ihrem Weg zurück starke Partner an ihrer Seite. Zum Beispiel Jan Frieling, ihren Physiotherapeuten. Marc Lechler unterstützt sie ebenfalls: Der Diplom-Sportwissenschaftler arbeitet als Reha-Trainer bei „ECOS Reha“. Zusammen arbeiten sie nun seit vielen Monaten auf ein Ziel hin – Gela wieder fit zu machen. Marc Lechler erzählt von den Herausforderungen in diesem ganz besonderen Fall.

 

Herr Lechler, was ist die große Schwierigkeit bei Gela Allmanns Verletzungen?

Die Komplexität. Bei Gela ist die besondere Herausforderung, dass nicht nur ein Gelenk betroffen ist. Das Sprunggelenk ist extrem eingeschränkt, weil der Nerv die Muskulatur nicht richtig ansteuert, ihr Knie hat massive Schäden vom Sturz davongetragen, und ihre Schulter ist auch ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden.

Gerade dieses ineinander greifen der Verletzungen macht es in der tat kompliziert – wir können uns bei unserer Physiotherapie mit Gela nie auf nur eine Sache fokussieren.

Was bedeutet diese Verkettung von Verletzungen für die tägliche Arbeit mit Gela Allmann?

Gerade dieses Ineinandergreifen der Verletzungen macht es in der Tat kompliziert – wir können uns bei unserer Physiotherapie mit Gela nie auf nur eine Sache fokussieren. Jeder Tag bringt wieder neue Herausforderungen mit sich – wenn sie am Tag zuvor viel gegangen ist, dann hat sie am nächsten Tag Schmerzen im Knie. Hat sie vielleicht an einem Tag auch nur einen Hauch zu viel getragen, schmerzt die Schulter. Das bedeutet konkret, dass wir zwar einen langfristigen Trainingsplan haben, kurzfristig aber sehr flexibel trainieren müssen.

Welchen Einfluss kann die Physiotherapie überhaupt bei einem so schwerwiegenden Fall auf den Heilungsprozess nehmen?

Einen ziemlich großen. Im Grunde macht die Physiotherapie rund 50 Prozent des Heilungsprozesses aus. Wobei gerade beim physiotherapeutischen Arbeiten die Willensstärke des Patienten eine große Rolle spielt. Die andere Hälfte trägt zu Beginn der Therapie der Operateur – er stellt die Funktionsfähigkeit des Gelenks wieder her, zum Beispiel durch das Einsetzen eines Kreuzbandes. Dass der Patient die Funktion des Gelenks auch wieder benutzen kann – also beugen, strecken und rotieren kann, aber auch der dazu benötigte Kraftaufbau –, das geschieht alles in der Arbeit mit den Physios.

Stichwort „Willensstärke“. Bei so vielen verschiedenen Verletzungen, an denen gearbeitet werden muss, ist die Motivation sicher auch mal im Keller. Wie geht Gela Allmann damit um?

Sie ist außergewöhnlich positiv! Psychisch extrem stark, mit einer unheimlichen Willensstärke. Auch an Tagen, an denen sie mal müde ist, gibt sie immer 100 Prozent im Training. Sie hat sich ihre Ziele sehr hochgesteckt und verliert sie nie aus den Augen.

Wo kommt das her? Liegt es daran, dass sie vor dem Unfall eine erfolgreiche Sportlerin war?

Ja und nein. Es hat etwas mit der Einstellung zu tun und den Zielen, die man sich selbst setzt. Wir dürfen eines nicht vergessen: Gela Allmann musste nach ihrem Unfall alles erst wieder erlernen. Das Laufen – und zwar mit Krücken und stabilisierender Orthese –, sich hinzusetzen und wieder aufzustehen, Treppen zu steigen und und und. Am Beginn einer Therapie steht immer die Frage: „Welches Ziel hat der Patient?“ Bei Gela war es trotz der schweren Verletzungen von Anfang an klar: Sie will zurück auf ihre geliebten Berge und sie möchte aus eigener Kraft den Berg erklimmen! Dieses Ziel verfolgen wir konsequent. Und was sie bis jetzt erreicht hat, ist einfach unglaublich – das zeigt, was man mit Willensstärke, Fleiß und konsequentem Training erreichen kann.

Sind medizinische Hilfsmittel bei der Physiotherapie wichtig?

Ja. Gerade in diesem Fall waren und sind die medizinischen Hilfsmittel ein extrem wichtiger Baustein. Bei Gela sind Sprunggelenk und Knie auf Orthesen angewiesen. Denn trägt sie am Fuß keine, kann sie die Bewegung im Kniegelenk nicht sauber ausführen, und die Orthese am Knie braucht sie, damit sie die Achse sauber halten kann. Das ist wie bei Zahnrädern, die ineinandergreifen. Wären diese Voraussetzungen nicht gegeben, könnten wir überhaupt nicht im Kraftbereich arbeiten, also Muskelaufbau betreiben. Die Orthesen verleihen eine große und belastbare Stabilität, die wir sehr langsam und sukzessive abbauen.

Nehmen Sie persönlich etwas aus der Arbeit mit Gela Allmann mit?

Auf jeden Fall. Für mich ist Gela ein extrem positives Beispiel dafür, was man mit Willensstärke erreichen kann. Auch wenn die Erfolge manchmal verschwindend gering sind – Gela ist immer voll motiviert und steht hinter dem, was sie macht. Sie lässt sich nicht davon entmutigen, dass manchmal eine Drei-Monats-Bilanz lautet, 300 Gramm mehr Gewicht zu schaffen. Sie bleibt eisern, behält ihr Ziel im Auge und ist dadurch nicht nur für mich ein Vorbild.