Wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt, ist das oft eine gewaltige Umstellung – sie kann aber auch viel Positives haben.

Nach acht Jahren kräftezehrender Ausbildung zur Balletttänzerin und weiteren vier Jahren im Ballettensemble der Berliner Staatsoper änderte Charis Riad so gut wie alles an ihrem bisherigen Leben. Ihre Gelenke und Muskeln waren von der einseitigen Belastung gezeichnet. Ein Überlastungssymptom im Knie plagte Charis, der Schmerz begleitete sie nun jeden Tag. Sie wollte verstehen, was die Probleme in ihrem Kniegelenk, ihren Muskeln, ihrem gesamten Körper verursacht hatte – aber vor allem wollte die ehemalige Balletttänzerin herausfinden, was sie ändern muss, damit es ihr wieder besser geht. Und trotz der permanenten Schmerzen stand für Charis fest: Auch ihr neues Leben müsse etwas mit Bewegung zu tun haben.

Ein sitzender Beruf, ohne Bewegung, wäre unvorstellbar für mich gewesen.

Charis fragte sich, wie sie das Wissen über Bewegung und den Bewegungsapparat für ihr neues Leben nutzen könne. Als sie die Entscheidung traf, eine Ausbildung zur Physiotherapeutin zu machen, wusste sie noch nicht, dass sie damit sämtlichen medizinischen Bereichen begegnen würde. Heute sagt sie über diese Zeit: „Es wurde mir eine Welt eröffnet, die viel größer war, als ich es glaubte.“ Denn Charis‘ physiotherapeutische Ausbildung ging über die klassische hinaus.

Ganzheitlicher Ansatz

„In den ersten drei Jahren der Berufsausbildung zum Physiotherapeuten wird eigentlich nur die Grundlage vermittelt“, erklärt Charis. „Den individuellen Weg, den man als Physiotherapeut später geht, findet man erst mit der Berufserfahrung.“ Bei ihr hat sich gezeigt, dass es ein ganzheitlicher Ansatz ist, der sich früh als der richtige Weg erwiesen hat. Die vierjährige Zusatzausbildung an der Berliner Schule für Zen Shiatsu und die Ausbildung zur Yogalehrerin prägten ihre Behandlungs- und Lebensweise. „Das Shiatsu ist eine rein passive Behandlungsweise und das Yoga eine aktive. Für mich ist es wichtig, meinen Patienten Fürsorge zu geben – das ist Shiatsu, aber darüber hinaus lehre ich auch Hilfe zur Selbsthilfe. Das sind dann gezielte Übungen, die individuell auf jeden Patienten zugeschnitten sind.“

Es geht über das Körperliche hinaus

Gerade weil Charis so viel Wert auf einen ganzheitlichen Ansatz legt, widmet sie sich ihren Patienten gerne intensiv, wahrscheinlich auch deshalb, weil sie aus ihrer eigenen Lebensgeschichte weiß, was es heißt, über einen langen Zeitraum mit chronischen Schmerzen umgehen zu müssen. Charis erklärt: „Oft geht es bei der Behandlung über die körperliche Gesundheit hinaus. Ernährungsberatung und psychische Hilfestellung gehören für mich zu einem Heilungsprozess genauso dazu. Denn körperliche Schäden haben oft etwas mit der mentalen Grundeinstellung zu tun. Beides zu verbinden, diese Kraft zu sammeln und dorthin fließen zu lassen, wo sie gebraucht wird – das ist das, was im Yoga und in der traditionellen chinesischen Medizin seit Jahrtausenden gelehrt wird.“

Ein Therapeut ist ein Begleiter.

Viele Menschen vergessen im stressigen Alltag, achtsam mit sich und ihrem Körper umzugehen. „Was uns oft krank macht, sind die vielen kleinen Fehlbelastungen und Fehlhaltungen im Alltag“, sagt Charis. Wer gesünder leben wolle, brauche mehr Zeit für sich und für Bewegung. „Es reicht ja schon, das Auto mal durch das Fahrrad zu ersetzen oder einen Spaziergang zu machen.“

Das komplexe Knie

Charis weiß aus eigener Erfahrung, dass Schmerzen im Knie zu Unsicherheit führen. Wenn Bewegung in einem Gelenk wehtut, hören viele Menschen auf, sich zu bewegen, anstatt der Ursache des Schmerzes auf den Grund zu gehen. „Oft sind es verkürzte Strukturen, die einen erhöhten Druck im Gelenk aufbauen. Dieser erhöhte Druck wird noch größer, wenn ich meine falschen Alltagsbewegungen einfach weitermache und den Schmerz nicht als Alarmsignal wahrnehme.“ Deshalb sieht Charis ihre Hauptaufgabe als Physiotherapeutin in so einem Fall, den Druck aus dem Gelenk zu nehmen, Strukturen zu entlasten, zu dehnen und dem Patienten Sicherheit zu geben, das Richtige zu tun. Ziel sollte es immer sein, natürliche Bewegungen wieder schmerzfrei ausführen zu können. Denn zum Beispiel das Knie wurde uns nicht gegeben, damit wir auf einem Stuhl sitzen oder rumstehen können – zumindest ist das nicht die Hauptfunktion des Gelenks. Die besteht vielmehr in der Kniebeuge. Also in die Hocke zu gehen – wenn das geht, ist die vollständige Funktionsfähigkeit des Knies wieder erreicht. Ganz wichtig dabei ist Stabilität.

Halt geben

Die Aufgabe eines Therapeuten an der Seite des Patienten ist es, Sicherheit zu vermitteln, Halt zu geben. Als Physiotherapeutin weiß Charis, dass es Patienten oft schwerfällt, trotz Knieschmerzen in die Bewegung zurückzufinden. Neben einer mentalen Stärke, die der Therapeut gibt, kann eine Kniebandage dabei helfen, ein Gefühl von Stabilität zu geben. „Sie gibt Halt, und die Kompressionswirkung der Bandage hilft unheimlich gut, einen Erguss im Knie zu verhindern. Wenn ich mich mit der Bandage bewege, wird der Lymphfluss aktiviert. Das hilft beim Abbau eines Ergusses“, erklärt Charis. Und auch das gehört zu einem ganzheitlichen Therapieansatz dazu – Hilfsmittel so einzusetzen, dass der Patient wieder Selbstvertrauen in sich und seinen Köper gewinnt.