13. Bauerfeind-Branchenforum in Berlin

„Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert“

13.11.2018

Über 300 Sanitätsfachhändler und Orthopädie(schuh)techniker trafen sich beim 13. Bauerfeind-Branchenforum im Hotel Vienna House Andel’s in Berlin. Sie diskutierten, wie sich die Digitalisierung auf die Gesellschaft, die Medizin und auf das eigene Fachgeschäft auswirkt. Als Hauptredner gaben der Autor Karl-Heinz Land aus Köln, der Unfallchirurg und Orthopäde PD Dr. med. Sebastian Kuhn aus Mainz sowie Anne M. Schüller, Autorin und Business-Coach aus München, interessante Einblicke und zahlreiche Denkanstöße. 

Am Vorabend des Branchenforums stimmten Prof. Hans B. Bauerfeind, Vorstandsvorsitzender der Bauerfeind AG, und Andreas Lauth, Vorstand Technik, auf das Thema mit den jüngsten digitalen Angeboten des Hilfsmittelherstellers ein. Mit dem neuen Ganzkörperscanner Bodytronic 610, dem Werbemittelshop sowie der Therapie-App für Bandagen bei Knieschmerz können Qualitätspartner Geschäftsprozesse digitalisieren, Arbeitsabläufe vereinfachen und ihren Kunden einen Mehrwert bieten. „Dass unsere Entwicklungen auch in der Praxis angewendet werden können und den Patienten zur Verfügung stehen, dafür sorgen Sie als unsere Partner im Fachhandel“, betonte Gastgeber Prof. Hans B. Bauerfeind. „Der Mensch ist der, für den wir das alles machen. Deshalb beziehen wir die Menschen auch immer mit ein“, unterstrich der 78-jährige Unternehmer. Er nahm damit bereits an, was sich am nächsten Tag vor allem in den Erfahrungsberichten zeigte: Digitalisierung hilft, Prozesse zu optimieren, um wieder mehr Zeit für den Patienten zu haben. 

Sinnvoll digitalisieren

Karl-Heinz Land skizzierte in seiner Keynote-Rede künftige Entwicklungen. „Alles, was sich digitalisieren lässt, wird digitalisiert. Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt. Alles, was automatisiert werden kann, wird automatisiert“, prophezeite der Experte. Bevor man sich jedoch hineinstürze, solle man gut durchdenken, wo es für das Geschäft Sinn ergibt, einen Prozess zu digitalisieren, riet Karl-Heinz Land. 

Richtig gute digitale Prozesse stellten vier junge Fachhändler vor: Lars-Gunnar Stockmann, Geschäftsführer Sanitätshaus Riepe GmbH & Co. KG, möchte seine Mitarbeiter „am Kunden haben“. Deshalb hat Stockmann unter anderem das Formular-Management komplett auf iPads verlagert. Das spare Zeit und Ablagefläche und die Mitarbeiter seien jederzeit voll auskunftsfähig. Den Prozess der Nachsorge von Kunden und Patienten hat Linus Kriwat von der Kriwat GmbH in Kiel digitalisiert. Mit Trainings-Videos und hilfreichen Texten zur Indikation und Therapie bleibt er per E-Mail auch nach einer Versorgung mit seinen Patienten verbunden. Jana Jordan von der Orthopädieschuhtechnik Jordan in Krefeld betreut die Social-Media-Kanäle der Firma und nutzt diese auch gezielt, um neue Fachkräfte zu gewinnen. Analoge Hilfsmittel entwickelt Moritz Herde vom Orthopädieforum in Erlangen mit digitalem Knowhow zu echten Hilfen im Alltag weiter. Er stellte einen Handschuh für Schlaganfallpatienten mit Mikroprozessor zum Unterstützen der Muskelkraft vor sowie einen Roboterarm für bewegungseingeschränkte Menschen, die damit ein Stück Freiraum für sich zurückgewinnen. 

Lebenslanges Lernen

Der technologische Fortschritt hat zunehmend Auswirkungen auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dr. Sebastian Kuhn sieht hier Parallelen in der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Fachhändlern. Zu beiden kommen die Kunden informierter. „62 Prozent aller Patienten googeln, bevor sie zum Arzt gehen“, berichtete der Mediziner. Mehr Selbstverantwortung der Patienten ist durchaus gewünscht, d.h. Betroffene sollen besser über ihre Krankheit und Therapieoptionen informiert werden, um selbständiger handeln zu können. „Wir müssen uns immer fragen, wie wir Mensch und Maschine sinnvoll für das Wohl der Patienten kombinieren können“, plädierte Dr. Sebastian Kuhn. Er betonte, dass alle aufgeschlossen mit der Digitalisierung umgehen müssten und sich auf einen lebenslangen Lernprozess einstellen sollten.

„Geschultes Personal ist wichtig und dann das Gespräch mit dem Patienten“, bestätigte Achim Oberle, der Geschäftsführer von Oberle – Gesunde Schuhe in Ettenheim. Moderator Henning Quanz diskutierte mit ihm, Dr. Sebastian Kuhn und Nico Schwartze von der AOK Nordost über digitale Prozesse im Gesundheitswesen, den Patienten im Zentrum dieser Entwicklungen sowie über Datenschutz. „Der erste Schritt muss jetzt sein, die bestehenden Akteure zu vernetzen“, erklärte Nico Schwartze, Leiter Stabsstelle Digitales Innovationsmanagement der AOK Nordost. „Der Patient wird noch mehr ins Zentrum rücken. Informationen müssen den relevanten Personen zukommen und der Patient in der Kontrolle seiner Daten bleiben“, fordert Dr. Sebastian Kuhn. Hier sind sich alle einig. Die Digitalisierung müsse grundsätzlich Vorteile generieren. Das ist der Fall, wenn die Akteure zusammenrücken, und damit zum Beispiel sinnlose Dreifach-Behandlungen verhindert und damit Kosten reduziert werden können. 

Offline und online zueinander finden

„Die Renaissance der Menschlichkeit“ sieht Anne M. Schüller im Zuge der Digitalisierung voraus. Mit einfachen und schnellen (digitalen) Prozessen im Geschäft könne man dafür sorgen, dass die Beratung an Qualität gewinnt. „Hegen und pflegen Sie Ihre Kunden, wo es nur geht. Und denken Sie dabei nicht nur an das Gewinnen von neuen Kunden, sondern vor allem auch an Ihre Bestandskunden“, rät Anne M. Schüller. Die Offline-Welt wachse immer schneller mit der Online-Welt zusammen. „Sorgen Sie online für nützliche Informationen, denn 95 Prozent aller Menschen informieren sich im Web“, berichtete die Münchnerin. Damit schlug sie die Brücke zum ersten Redner. „Wer keine digitale Repräsentanz hat, wird in der realen Welt nicht mehr gefunden“, so Karl-Heinz Land. 

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