Seite 16 - Bauerfeind_life_02_2012

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life
magazin 3/2012
Der Fuß erhält viel Aufmerksamkeit im
Moment. Woran liegt das?
Prof. Valderrabano:
Man kann tatsächlich
ein gesteigertes medizinisches Interesse am
Fuß feststellen. Das liegt aber weniger an
uns Ärzten, sondern mehr am Verhalten der
Patienten. Sportarten, die den Fuß belasten,
und das sind nicht wenige, stehen hoch im
Kurs. Untrainierte überschätzen sehr häufig
ihre Fähigkeiten. Sie wollen es Roger Federer
auf dem Tennisplatz gleichtun, obwohl ihr
körperliches Leistungsvermögen und ihre
neuromuskulären Fähigkeiten die eines Bü-
romenschen sind. Da passieren die Unfälle.
Des Weiteren schlagen die unbeweglichen,
oft übergewichtigen Menschen zu Buche.
Jedes Kilo, das sie zu viel tragen, potenziert
sich am Fuß zu einer kontinuierlichen Last.
Das sind die Hauptfaktoren …
… die das Knie aus den Praxen verdrängen?
Prof. Valderrabano:
Das sicher nicht.
Richtig ist aber, dass bestimmte Erfolge am
Knie, wie beispielsweise frühfunktionelle
Therapien, zu einem gewissen Rückgang der
Knieproblematiken beigetragen haben. Auch
spezielle Präventionsmaßnahmen können
dafür verantwortlich sein.
Sind diese Erfolge auf den Fuß übertragbar?
Prof. Valderrabano:
Der Aufbau des Fußes
ist einzigartig, seine Strukturen sind äußerst
kleinteilig. Wenn Sie nur eine Komponente
minimal ändern, kann es Auswirkungen auf das
Zusammenspiel des gesamten Gefüges haben.
Ein Beispiel: Gedehnte Bänder der Hüfte oder
des Knies haben weniger gravierende Folgen
für die Stabilität des jeweiligen Gelenks als
ein gedehntes Band im Sprunggelenk. Dort
reichen schon ein bis zwei Millimeter Elonga-
tion aus, um eine Instabilität hervorzurufen.
Zwei Millimeter zu viel führen im Sprungge-
lenk bei jedem Schritt kurzfristig zu 40 Pro-
zent Krafterhöhung, weil der Talus ständig
subluxiert. Was drei, vier oder fünf Millimeter
bewirken, können Sie sich ausmalen.
Sie sehen mit Ihrem Baseler Team über
1.000 Füße im Jahr. Ist Instabilität das große
Problem?
Prof. Valderrabano:
Nicht nur am Fuß.
Aber im Sprunggelenk kann die Instabilität
nach Supinationstraumen wie der fibularen
Bandruptur, der häufigsten Sportverletzung
überhaupt, sehr schnell chronisch werden.
Vor allem, wenn diese nicht erkannt oder
falsch therapiert wird – mit fatalen Konse-
quenzen. Achillessehnenerkrankungen sind
das eine, Arthrose unter Umständen das
andere (
Valderrabano et al., s. Ref.
).
Steht eine Achillessehnenproblematik in
einem direkten Zusammenhang mit Fuß-
bzw. Sprunggelenkverletzungen?
Prof. Valderrabano:
Ja, es gibt tatsächlich
viele Fälle, in denen beide Regionen, sowohl
das Sprunggelenk als auch die Achillessehne,
ein großes Problem darstellen respektive zu
einem solchen werden. Der Grund ist: Bei
chronischer Instabilität verlaufen die Bewe-
gungsachsen nicht ideal. Ein Malalignement
tritt auf. Beispielsweise hat eine Instabilität
im lateralen oberen Sprunggelenk oft eine
Varusstellung des Rückfußes zur Folge. Diese
Fehlstellung wiederum bedingt, dass die ide-
ale Zugkraftlinie der Achillessehne aus dem
Lot gerät – Achillodynien entstehen.
Wenn Sie diese Schmerzzustände an der
Achillessehne präzisieren – was überwiegt?
Prof. Valderrabano:
Meist liegen tendinöse
Probleme vor, also Problematiken am Achil-
lessehnenansatz, Tendinopathien. Über-
belastungen verstärken die Symptomatik. Ur-
sachen der Tendinopathien können auch alle
möglichen intrinsischen und extrinsischen
Faktoren sein: idiopathische Fehlstellungen
des Rückfußes, ungeeignetes Schuhwerk,
inadäquate Trainingsmethoden, Dysbalancen,
fehlende muskuläre Geschmeidigkeit, Alters-
erscheinungen. Auch die Haglund-Exostose
oder eine Bursitis im Sehnenansatzbereich
sind häufig Auslöser der Beschwerden.
Wie lange hält die Achillessehne diese
Beschwerden aus?
Prof. Valderrabano:
Die Achillessehne leidet
lang. Und auf einmal ist sie tendinös so ver-
ändert und in der Fassung so nekrotisch, dass
eine unvorsichtige Bewegung reicht, und
sie reißt! Selten traumatisch, selten tritt die
Ruptur auf einem sauberen, gesunden Achil-
lessehnenboden auf. Wenn, dann geschieht
dies im Profisport oder bei einem Unfall. In
drei Viertel aller Fälle aber reißt die Achilles-
sehne auf einem kranken Sehnenboden.
Wie kann man der Achillessehne wieder einen
gesunden Boden bereiten?
Prof. Valderrabano:
Bei der Therapie muss
immer das Gesamtbild gesehen werden.
„Bei chronischer Instabilität leidet
auch die Achillessehne”
Sprunggelenkverletzungen und Achillodynien
Eine der stärksten Sehnen des Körpers gerät vermehrt ins Blickfeld der Sportmediziner.
Verletzungen des Sprunggelenks sowie Fehlstellungen können der Achillessehne auf Dauer
das Leben schwer machen, sagt Prof. Dr. med. Dr. phil. Victor Valderrabano, Chefarzt der
Orthopädischen Klinik des Universitätsspitals Basel. Ein Therapiepaket, bestehend aus
Physiotherapie, orthopädisch wirksamen Einlagen und Bandagen, könne die Pathologien
am Rückfuß aufbrechen, so der Fuß- und Sehnenspezialist.
FOKUS
„Gerade die ‚konservativen
Paketlösungen’ mit Einlagen
besitzen eine hohe Evidenz.
Die Patienten profitieren sehr
stark davon.“
(Prof. Dr. Dr. Valderrabano)
Bild: Stefan Durstewitz