Seite 18 - Bauerfeind_life_02_2012

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life
magazin 2/2012
Der Chirurg wurde nach eigener Aussage vom
Saulus zum Paulus, als er belegen konnte,
dass Operationen bei Bandverletzungen nur
in den seltensten Fällen notwendig sind.
Als Entwickler der „MHH-Knöchelschiene“
sowie der CaligaLoc spricht der entschiedene
Verfechter einer frühfunktionellen Therapie
über diagnostische Herausforderungen am
Sprunggelenk, die Gefahr chronischer Insta-
bilitäten und über die neue CaligaLoc.
Herr Prof. Zwipp, die MHH-Knöchelschiene –
wie ist sie entstanden?
Prof. Zwipp:
Die MHH-Knöchelschiene
entstand während meiner Zeit bei Prof.
Tscherne an der Medizinischen Hochschule
Hannover
(MHH, d. Red.)
. Zu dieser Zeit,
Mitte der 1980er-Jahre, hieß es, jede fibulare
Bandruptur, also der Riss der Außenbänder,
gehöre operiert. Professor Tscherne fragte
mich: „Stimmt das? Kann man nicht auch
konservativ-funktionell vorgehen? In den
USA sieht man das nicht so eng.“ Wir wollten
es genau wissen und unternahmen eine
Reihe von experimentellen Studien. Auch die
damals vorhandenen Mittel zur Stabilisierung
des Sprunggelenks, einen Stiefel und eine
U-Schiene, haben wir untersucht. Die Ergeb-
nisse waren hinsichtlich Stabilitätsgewinn
äußerst bescheiden. Daraufhin haben wir
uns an die Arbeit gemacht.
Was kam dabei heraus?
Prof. Zwipp:
Eine Schiene, die im rechten
Winkel umschlägt und bis über die Basis des
fünften Mittelfußknochens hinausreicht.
Entstanden ist eine wesentlich stabilere
Situation. Der Pronationskeil hebt den
Rückfuß an, so dass die Bänder in dieser
entspannten Position gut heilen können.
Die MHH-Knöchelschiene ist im Wesentli-
chen eine Vorläuferorthese der CaligaLoc,
die aktuell überarbeitet wurde und an deren
Modifikationen ich ebenfalls beteiligt war.
Die Frage „Operieren – ja oder nein?“ war für
Sie damals schon beantwortet?
Prof. Zwipp:
Zu dieser Frage haben wir in
Hannover die erste prospektiv randomisier-
te Studie überhaupt durchgeführt. Je 50
Patienten mit fibularer Bandruptur wurden
in vier Gruppen eingeteilt. Die erste Grup-
pe enthielt Patienten, die operiert und mit
einem Gipsverband ruhiggestellt wurden –
das damals gängige Verfahren. In der zweiten
Gruppe waren Patienten, die operiert und mit
der MHH-Schiene nachbehandelt wurden. In
der dritten waren Nichtoperierte mit einem
Gips in Pronationsstellung des Fußes und in
der vierten Nichtoperierte mit der MHH-
Schiene. Nach sechs, zwölf und 24 Monaten
Heilungsverlauf haben wir ausgewertet. Das
Verblüffende war: Es gab keine signifikanten
Unterschiede zwischen den Gruppen
(s. Ref.:
Zwipp et al., 1988)
. Nach drei Monaten zeigte
sich sogar in der nichtoperierten Gruppe mit
Schiene ein Vorteil. So bin ich vom Saulus
zum Paulus geworden.
Das heißt, die Operation kann vermieden
werden. Und Sie können früh funktionell be-
handeln. Aber wie wissen Sie eigentlich, dass
es sich um eine Ruptur handelt?
Prof. Zwipp:
Wir praktizieren in Dresden,
wenn kein Bruch auf dem Röntgenbild zu
sehen ist, dafür aber Schwellungen und
Schmerzen auftreten, die gehaltene Aufnah-
me. Der Patient wird durch lokale Betäubung
an zwei Stellen schmerzfrei gemacht. Es
folgt eine Stressaufnahme mit 15 Kilogramm
Gewicht, um zu sehen, ob das Gelenk auf-
klappt. Wie viel Grad beträgt die Taluskip-
pung? Schiebt sich der Fuß nach vorne aus
dem Gelenk? Gibt es also eine Instabilität
in zwei Ebenen? Wenn ja, liegt eine fibulare
Bandruptur vor und keine Distorsion. Und
danach richtet sich natürlich die Behand-
lung. Interessant ist: Vor der Einführung der
gehaltenen Aufnahme wurde bei zehn Pa-
tienten nur einer mit Ruptur diagnostiziert.
Mit gehaltener Aufnahme waren es fünf.
Wahrscheinlich wurde die häufigste Verlet-
zung überhaupt nicht richtig erkannt?
Prof. Zwipp:
Weil es nicht einfach ist.
Auch das MRT gibt nicht immer sicheren
Aufschluss. Ein erfahrener Untersucher
kann eine Ruptur in der Regel erkennen, im
Zweifelsfall jedoch immer mit der gehalte-
nen Aufnahme in Leitungsanästhesie. Ist es
eine Zerrung, eine stabile Bänderdehnung
oder eine Ruptur? Das ist die entscheidende
Frage, auch für die Behandlung. Zerrung
und fibulare Bandruptur im Verhältnis eins
zu eins machen 85 Prozent aller sportbe-
dingten oberen Sprunggelenkverletzungen
aus. Sie können in der Regel alle konservativ
„99 Prozent sind konservativ
therapierbar“
Sprunggelenkverletzungen und CaligaLoc
„Eine Orthese, die posttraumatisch am Sprunggelenk eingesetzt wird, muss die verletzten
Strukturen sicher und schnell in eine heilungsfördernde Position bringen.“ Dieser zentrale
Leitsatz führte über Vorläufermodelle zur Entwicklung der Stabilorthese CaligaLoc. Aufge-
stellt hat ihn Prof. Dr. med. Hans Zwipp, Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfall- und
Wiederherstellungschirurgie am Uniklinikum Dresden.
Anatomisch vorgeformt und ausgepolstert:
die Kunststoffschiene der CaligaLoc.
MEDICAL
Bilder: Karl-Ludwig Oberthür