Seite 13 - Bauerfeind_life_02_2012

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life
magazin 2/2012
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immer sind die Merkmale auch mit Sympto-
men verbunden. Und umgekehrt!“
Obwohl das höchst unterschiedliche
Krankheitsbild der Arthrose viele Fragen
aufwirft, gibt es auch harte Fakten: Rund
fünf Millionen Schritte macht der Mensch pro
Jahr, rechnet der Orthopäde vor. Verschleiß
erscheint hier sofort glaubhaft. Bei einem
anderen Ursachenfaktor fällt die Rechnung
deutlich schwerer, dennoch hält Prof. Kohn
dessen Auswirkungen für gravierend: „Wir
unterschätzen die vielen kleinen Traumata.
Nehmen Sie den Fußballspieler, nicht auf
höchstem Niveau, der aber durchaus pro
Woche seine fünf Stunden spielt und trai-
FOKUS
niert und der immer wieder etwas abkriegt.“
Typische Fälle, hier eine Zerrung, dort ein
Umknicken. „Ich sehe erschreckend viele
Männer im Alter zwischen 40 und 55 Jahren,
die einerseits sportlich sehr gut trainiert
sind, aber andererseits starke Arthrose an
ihren Kniegelenken haben. Gemeinsam ist
ihnen, dass sie in ihrer aktiven Zeit zwischen
dem 15. und 30. Lebensjahr sehr viel Sport
betrieben haben.“
Prävention – so früh wie möglich
„Wenn ich das gewusst hätte, …“, mag da so
mancher (Freizeit-)Sportler zurückblickend
denken, wenn er mit der Diagnose Arthrose
konfrontiert wird. „Ich würde jedem jungen
Sportler raten, mit Verletzungen, die er als
Verstauchung, Prellung oder Zerrung einord-
net, zum Facharzt zu gehen. Und ich würde
den Kollegen raten, diese ernst zu nehmen.“
Seit 1982 ist Prof. Kohn „im Kniegeschäft“,
wie er es bezeichnet. Er weiß: „Wenn der
Patient chronische Symptome hat und im
Kernspin nach einer ,Bagatellverletzung‘
Schäden sichtbar sind, muss eine Konse-
quenz folgen. Aber nicht irgendeine und
nicht notwendigerweise eine Operation. Er
muss die Verletzung ausheilen lassen und
seine Aktivität darauf einstellen. Es macht
keinen Sinn, ihn fit zu machen, indem man
ihm die warnenden Schmerzen nimmt, aber
die Läsion und die Belastung belässt. Das
führt zwangsläufig von der Vorstufe über die
Abnutzung zur Arthrose.“
Beim Knie kommt erschwerend die hohe
Verletzungsgefahr an den Bändern hinzu.
„Irreführenderweise wird hier häufig der
Begriff ‚Isolierte vordere Kreuzbandruptur’
gebraucht“, ärgert sich der Experte. „Die
Kräfte, die ein Band reißen lassen, reichen
immer aus, um auch knöcherne Ausrisse oder
Knorpelschäden zu setzen – und seien sie
noch so klein. Von einer ‚isolierten’ Ruptur
kann keine Rede sein“, stellt er klar. Folglich
auch nicht von einer „isolierten“ Therapie.
Denn die alles dominierende Dysfunktion
lautet jetzt: Instabilität.
Um die lauernde Gefahr der Arthrose bei
Instabilität zu demonstrieren, beruft sich der
Orthopäde auf die Biomechanik: „Wenn das
Knie ein wichtiges Band verliert, ist die ge-
samte Kinematik gestört. Die Belastung auf
dem Knorpel ist bei jeder Bewegung erhöht.
Durch die Scherkräfte kommt bei jedem
Schritt ein neues kleines Trauma auf den
Knorpel. Die müssen wir eliminieren, indem
wir die Stabilität wieder herstellen. Und zwar
schnell.“ An dieser Stelle können Orthesen
eine gute Arbeit leisten. Als Beispiel führt
Prof. Kohn die Kniegelenkorthese SofTec
Genu an, mit der er speziell nach Innenband­
rissen gearbeitet hat. „Meine Erfahrungen
damit sind gut“, sagt er. „Die geführte
Bewegung durch die seitlich angebrachten
Orthesenschienen ermöglicht eine Stabilisie-
rung des Gelenks.“
Das Problem: Arthrose macht früh
kaum Beschwerden
Frühzeitig Maßnahmen gegen Gonarthrose
zu ergreifen, ist das alles Entscheidende.
Daran lässt Prof. Kohn keine Zweifel. Das
gelte für Arzt und Patient gleichermaßen. Ob
Instabilitäten oder Überbeanspruchungen, ob
Bewegungsarmut oder Fehlernährung – diese
Faktoren gilt es abzustellen. Das Problem
ist nur: Arthrose tut in der Frühphase meist
nicht weh.
Umso wichtiger ist die Aufklärung. Für die
Arthrose sind flächige, diffus begrenzte Knor-
peldefekte charakteristisch. Nach vollstän-
digem Verlust des Gelenkknorpels verbleibt
häufig nur der endoprothetische Oberflächen-
ersatz als Therapiekonsequenz. „Man sollte
aber nicht vergessen, dass wir im Vorfeld noch
diverse Optionen haben“, betont Prof. Kohn.
So können beispielsweise chirurgisch-rekon-
struktive Verfahren wie Umstellungsoperatio-
nen die Gelenkfunktion verbessern und damit
die Implantation eines endoprothetischen
Oberflächenersatzes hinauszögern. „Einlagen
sind ebenfalls ein probates Mittel, um eine
Entlastung von Gelenkteilen zu erreichen“,
so Prof. Kohn. „Bevor ich die Indikation zu
einer Gelenkprothese stelle, prüfe ich stets, ob
alle Möglichkeiten, das natürliche Gelenk zu
erhalten, ausgeschöpft worden sind.“
Literaturhinweis:
Hjelle, K., Solheim, E., Strand, T., Muri, R., Brittberg, M.:
Articular cartilage defects in 1,000 knee arthroscopies.
Arthroscopy 2002; 18: 730-734.
Kniegelenkorthese SofTec Genu.