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magazin 1/2012
GESUNDHEITSWESEN
„Von dem Gesetz werden letztendlich
alle Arztgruppen profitieren“
Weichenstellung für zukünftige Versorgungsstrukturen
Welche Chancen bietet das Versorgungs-
strukturgesetz bezüglich der medizinischen
Versorgung im ländlichen Raum?
Dr. John:
Wir von der Kassenärztlichen
Vereinigung Sachsen-Anhalt hoffen, dass
das Gesetz hilft, die Situation im ländlichen
Raum zu stabilisieren. Nicht nur in unserem
Bundesland nimmt die Zahl der Allgemein-
mediziner gegenwärtig deutlich ab, was für
sich genommen eine erhebliche Verschlech-
terung der medizinischen Versorgung in
ländlichen Bereichen bedeuten würde. Nach
Hochrechnungen des Zentralinstituts für
die kassenärztliche Versorgung benötigen
wir in den nächsten fünf Jahren etwa 640
neue Hausärzte, die wir zudem noch dazu
motivieren müssen, sich dort anzusiedeln,
wo der Bedarf besonders groß ist. Indem
das Versorgungsstrukturgesetz vorsieht,
dass in unterversorgten Regionen die
Abstaffelung der Vergütung wegfällt und
die Mediziner auf diese Weise im Prinzip
die Leistungen vergütet bekommen, die sie
erbringen, schafft es einen gewissen Anreiz
zur Niederlassung in solchen Gebieten. Als
weitere Fördermaßnahme haben wir bei uns
im Landesausschuss der Ärzte und Kranken-
kassen beschlossen, dass wir die Gründung
von Praxen in Regionen, in denen eine
Unterversorgung droht oder bereits besteht,
mit finanziellen Leistungen von bis zu
60.000 Euro unterstützen können. Zusätzlich
werden im Versorgungsstrukturgesetz über
die Möglichkeit zur Bildung eines Struktur-
fonds, der von Kassen und KV zu füllen ist,
neue Instrumente geschaffen.
Welche Bedeutung werden regionale Praxis-
netze für die Versorgung in der Fläche künftig
haben?
Dr. John:
Insbesondere in Regionen, die so
dünn besiedelt sind, dass sich die Ansiedlung
einer normalen Praxis nicht lohnt, bieten
solche Netze eine gute Möglichkeit, die
medizinische Versorgung sicherzustellen.
In Sachsen-Anhalt erproben wir gerade als
neues Modell die sogenannten Filialpraxen,
die wir als KV selbst betreiben. Damit stellen
wir sozusagen die gesamte Hardware zum
Betreiben einer Praxis vor Ort zur Verfügung.
In jeder dieser Praxen gewährleistet eine
von uns angestellte Helferin mit besonderer
Qualifikation als Versorgungsassistentin
den laufenden Betrieb. Die Ärzte – Ange-
stellte oder auch Honorarkräfte – nutzen
die Filialpraxen während bestimmter Zeiten
zum Erbringen ihrer medizinischen Leistung.
Teilweise haben wir Ruheständler reakti-
vieren können, die in diesen Praxen gerne
ein paar Stunden oder Tage pro Woche tätig
sind. Auch für junge Kollegen können solche
Einrichtungen einen guten Einstieg in die
ambulante Versorgung bieten. Perspekti-
visch besteht die Möglichkeit, dass neben
dem Hausarzt auch Fachärzte wie Urologen
Das am 1. Januar 2012 in Kraft getretene Versorgungsstrukturgesetz soll auch in Zukunft
eine wohnortnahe, bedarfsgerechte und flächendeckende medizinische Versorgung sicher­
stellen. Dr. med. Burkhard John erläutert aus seiner Sicht als Vorsitzender der Kassenärztlichen
­Vereinigung (KV) Sachsen-Anhalt, inwieweit das Gesetz dazu beitragen kann, die Arbeits­
bedingungen und die wirtschaftliche Situation der Ärzte auf dem Land zu verbessern.
oder Orthopäden beispielsweise einmal pro
Woche dort präsent sind, um die Menschen
der Region ihrem Fachgebiet entsprechend
zu versorgen. Mit dem Versorgungsstruktur-
gesetz verbessern sich die Möglichkeiten, als
KV solche Modellprojekte durchzuführen und
als Eigeneinrichtungen zu betreiben.
Modellprojekte mit Filialpraxen betreffend,
ist auch die Delegation ärztlicher Leistungen
von Interesse. Welche Möglichkeiten eröff-
net das Versorgungsstrukturgesetz in dieser
Hinsicht?
Dr. John:
Die Delegation ärztlicher Leis-
tungen wurde ja bereits früher gesetzlich
geregelt und wird jetzt durch das Versor-
gungsstrukturgesetz lediglich aufgegriffen
und erleichtert. Krankenkassen und Kassen-
ärztliche Bundesvereinigung sind nun auf-
gefordert zu definieren, welche Leistungen
medizinische Fachangestellte eigenständig
erbringen können. Ich halte die Erweiterung
der Delegationsmöglichkeiten für extrem
wichtig, da für die Lösung der Patientenpro-
bleme in Zukunft andere Praxisstrukturen
notwendig sein werden – diese sollten
zunehmend im Team gelöst werden.
Eine weitere Möglichkeit bietet die Delega-
tion von ärztlichen Leistungen an besonders
qualifizierte Pflegekräfte. Hierzu hat kürzlich
der Gemeinsame Bundesausschuss eine
Richtlinie verabschiedet, in der geregelt
wurde, wie entsprechende Modellprojekte
auszugestalten sind. Dort ist festgelegt,
über welche Qualifikation die beteiligten
Pflegekräfte verfügen müssen und welche
Leistungen delegiert werden dürfen. Aus
meiner Sicht ist es wichtig, dass die speziell
ausgebildeten Pflegekräfte direkt an die
Praxen oder Praxisnetze angebunden, also
im besten Fall deren Angestellte sind. Die
Bildung von Versorgungsteams wird auch
Bild: privat
„Das Versorgungsstrukturgesetz
schafft einen gewissen Anreiz
zur Niederlassung in unterver-
sorgten Regionen.“
(Dr. med. Burkhard John)
Dr. med.
Burkhard John.